Prolog
Eine Begebenheit, erfunden oder wahr,
Wie sie nur in Venedig sich ereignen mag:
In einer Stadt, in der Musik die Häuser, Kirchen, Brücken baut,
Wo Liebe, Sehnsucht, Schönheit, Tod, wo Erblühen und Vergehn
Zur sichtbaren Gestalt, zu einem Bild geworden sind.
Der Spätherbst mit seinen leuchtenden Farben,
Die welken, gelben, bunten Blätter,
Die zahlreichen, die schon fielen,
Und alle, die noch fallen werden,
Ein Hauch Ewigkeit in diesem allgemeinen Sterben,
Schön und traurig zugleich, ist die große Kulisse dazu.
Doch wann es gewesen, weiß ich nicht,
Vielleicht vor hundert Jahren oder mehr?
Erst gestern? Heute? Wird es morgen sein?
Denn über allem liegt ein zarter Dämmerschein.
Gastspiel einer Fremden
Seine Frau war gestorben, viele Jahre her,
Er seither auf keinem Ball, in keiner Oper mehr,
War selbst in seiner Trauer tot und so gut wie begraben,
Was sollte die schale Welt für ihn noch übrighaben?
Catone in Utica, Vivaldis Oper würde gegeben,
Nahm sich der edle Römer nicht selbst das Leben?
Das zog ihn an, er wollte die Aufführung sehn,
Saß am Abend allein in der Loge, berührt vom Geschehn.
Die Arie „Se mai senti“ im zweiten Akt erklang
Und wie die Sängerin diese sang!
Er fühlte die Liebe, die darin lebt,
Die zärtliche Stimme, die zitternd bebt.
Bei jeder Aufführung war er fortan zugegen
Und die wachsende Zuneigung wollt sich nicht legen,
Da schrieb er der Fremden bewegte Zeilen,
Er wolle mit ihr die Erfahrung teilen.
Sie trafen sich und er war hingerissen,
Sie hatte alles, was lang er tät vermissen,
Nach der letzten Vorstellung wollt man sich wiedersehn
Und wer weiß, vielleicht würd sie ihn ganz verstehn.
Die Rolle war umbesetzt, die Sängerin war abgereist,
Ein Brief für ihn mit wenig Worten hinterlegt:
Du liebst nicht mich, nicht mich, und weißt es genau,
Du suchst in mir deine verstorbene Frau!
So war‘s, das wurde ihm schmerzlich bewusst
Und Tränen fielen ihm auf die beklommene Brust,
Zum Himmel sah er auf mit wehem Blick, ganz trübe:
Ja, sie hat recht! Dort will ich hin, zu dir, du Liebe!
©Wolfregen
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