„Die wunderbaren Falschmünzer“ – Rolf Vollmann über Goethe


Während Goethe mit dem „Werther“ schlüssig zusammengefaßt hatte, was schon an der Zeit war, und mit dem „Wilhelm Meister“ voll getroffen hatte, was gerade im Kommen war, war er mit den „Wahlverwandtschaften“ weit vorausgeeilt, und auch woandershin, nämlich in jene Romanweltliteratur. die dann erst von außen her, übersetzt, auch seine Landsleute einbeziehen würde: jene, für die er noch zu früh gekommen war, dieser – sonderbar für einen doch schon alternden Mann – so kühne Geist. Und am Ende dann noch dieses losgelöste freie Spiel mit den „Wanderjahren“.

Rolf Vollmann: Die wunderbaren Falschmünzer, Die andere Bibliothek, Band 1, Eichborn

Was für zwei wunderbare Bücher – seit zwanzig Jahren lese ich jetzt schon darin rum.

 

Soon to come: Osterspaziergang


schneeraeder
In gut zwei Wochen ist es wieder soweit:

Faust I, Vor dem Tor.

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

Im Winter auf den Brocken


Ein kleiner Text von mir, der vor zwei Wochen in der Wochenend-Beilage der Braunschweiger Zeitung erschienen ist.

Gipfel2
Gipfelfoto muss sein. Wer es 
bis ganz nach oben geschafft hat, will das auch zeigen. Dabei ist die Spitze des Brockens kein klassischer Gipfel, sondern ein Hochplateau mit ein paar Felsbrocken drauf.

„Des gefürchteten Gipfels schneebehangner Scheitel“

Do it like Goethe: Im Winter auf den Brocken wandern.

Oben ist es kalt. Immer. Egal, ob die Sonne scheint oder im Nebel die Sichtweite höchstens 20 Meter beträgt. Und wenn dann noch der eisige Wind dazu kommt, gibt es nur einen Reflex: Bloß weg hier.

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Goethe – Brief an Schiller, Januar 1797


Weimar, den 11. Januar 1797

… Mit dem Buche das mir Rath Schlegel mitbrachte, geht es mir wunderlich. Nothwendig muß es einer der damals gegenwärtigen Freunde eingesteckt haben, denn ich habe es nicht wieder gesehen und deßhalb auch vergessen; ich will sogleich herumschicken um zu erfahren wo es steckt. Wenn Sie Schlegeln sehen, so sagen Sie ihm daß ich ihm ein Compliment von einer recht schönen Frau zu bringen habe, die sich sehr lebhaft für ihn zu interessiren schien.

G.

Es geht nicht immer nur hochgeistig zu zwischen den beiden Dichterhelden. Auch ein verlorenes Buch und kleine Liebesbotschaften spielen eine Rolle im Januar 1797.

Weimar. Römisches Haus


weimar_ro%cc%88misches-hausKleines Memory-Foto vom vergangenen Sommer: Der Brunnen im/am Römischen Haus in Weimar. Wunderbarer Platz mit Blick auf den Park an der Ilm. Laut Wikipedia wohl erbaut von Martin Gottlieb Klauer, von dem auch der Schlangenstein stammt. Der Rest zu dem Haus siehe hier.

Goethes dritte Harzreise: Bad Grund und der Hübichenstein


badgrund_schildEs ist doch mal wieder erstaunlich: Da läuft man im Winter an einem nicht zu kalten Tag ein bisschen im Harz herum, einfach so, um draußen zu sein – und stolpert natürlich wieder über IHN. Ein schlecht gestaltetes, aber nicht zu übersehendes Schild: Goethe war hier. Sowas passiert im Harz schon mal, auf seinen drei Reisen dorthin hat er einiges abgeklappert.

Bad Grund also, die alte Bergwerksstadt, im Westharz nahe bei Clausthal-Zellerfeld gelegen. Wo es in jeder Hinsicht bergab geht, nachdem dort 1992 das letzte Erzbergwerk geschlossen wurde und später auch die Kurgäste wegen diverser Gesundheitsreformen wegblieben. Goethe war am 12. August 1784 hier auf seinem Weg nach Braunschweig, wohin er seinen Herzog in politischer Mission begleitete.

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Goethes Wortschatz – und der Geburtstag des „Goethe-Wörterbuchs“


Die Berlin-Brandenburgische Akademie feierte den siebzigsten Geburtstag des „Goethe-Wörterbuchs“ und dazu erschien ein schöner, langer, kenntnisreicher Artikel von Stephan Speicher auf der Literaturseite der „Süddeutschen“. (Das lustge Foto auf der Abbildung gehört nicht dazu, das ist Rollando Villazón mit seiner Quietscheente aus einem Bildband übegoethe_froschr Tenöre – na gut). Das klingt erst mal alles sehr sehr trocken und akademisch, ist es auch, aber dann kommen ein paar Zahlenspielereien und die lassen den geneigten Leser schon staunen.

Goethes Wortschatz umfasst laut diesem Wörterbuch 93.000 Wörter, das sei der mit Abstand größte Individualwortschatz im deutschen Sprachraum. Aha. Zum Vergleich: Luthers Wortschatz soll 23.000 Wörter umfasst haben, Schiller und Shakespeare werden auf jeweil 30.000 taxiert. Alle drei würde man nicht gerade als sprachlich unversiert einstufen.

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